FAZ: Der ewige Tag ist seit Jahren vorbei

14-Sep-2013

10. Dezember 2007 Holunderbüsche winden sich aus Glasschuttbergen, Königskerzen erobern ein Gleisbett, durch leere Fensterhöhlen streicht der Wind. Aus dem Rund alter Schlämmbottiche stürmen dralle Göttinnen in schreienden Farben und grinsende Kopffüßler auf den Betrachter ein, von den Wänden baumeln graubestäubte Leitungen wie die losgerissenen Innereien eines einst vibrierenden Riesenorganismus. Der Verfall ist allgegenwärtig, er schreitet voran, und doch sind überall zwischen Betontrümmern, geborstenen Mauern und verrostenden Walzen die Spuren neuen Lebens präsent. Die Natur kehrt zurück. Und: Die Kunst setzt Zeichen.
Es ist erstaunlich, was die Stadt Itzehoe sich da leistet. Auf einer Fläche von zwanzig Hektar, direkt am Ufer der Stör in Zentrumsnähe, lässt sie Industrieruinen vor sich hin bröseln. Hundertzwanzig Jahre lang wurden in der "Alsen'schen Portland-Cement-Fabriken KG" Klinker gebrannt und Zement gemischt, mehr als eine Million Tonnen in den besten Jahren, die Firma machte den Namen Itzehoe in aller Welt bekannt. Doch als die Produktionsanlagen 1983 aufgegeben wurden, konnten sich die neuen Besitzer des Areals und die Stadt nicht auf eine Nutzung einigen. Das Gelände verfiel. - Und Setus Studt verfiel dem Verfall.

Bisher 8000 Fotos gemacht

Seit 1985 dokumentiert der Künstler mit seiner Kamera alle Veränderungen, die Kalkhalle, Schlosserei, Drehofenhalle, Kesselanlage und Verladestation durchlaufen. Schon früh waren Fotografen auf die Idee gekommen, Models im staubigen Licht des Niedergangs posieren zu lassen. Pornofilmer fanden die Atmosphäre höchst an- und aufregend. Auch Sprayer hatten die Mauern bald für sich entdeckt und machten den Namen Itzehoe ein zweites Mal zu einem Begriff: Selbst der Großmeister der Dose, der New Yorker "Seen", kam hierher und verewigte sich an der Stör.Graffitikunst aber ist vergängliche Kunst: Schon nächstes Wochenende können die Bilder übermalt sein. Deshalb schoss Studt von 1995 an Foto auf Foto. Achttausend Bilder reihen sich mittlerweile zu einer imponierenden Dokumentation, einer "Hall of fame" der oft namenlosen Artisten.

Atelier und Ausstellungsraum

Dabei ging es Studt, dreiundfünfzig Jahre alt, der sich selbst als "Ansprechpartner, Initiator, Realisator und Dokumentarist" sieht und mittlerweile zum Ratsherrn der Stadt gewählt wurde, nie nur um die Bestandsaufnahme des Vergehens. Er gab dem Gelände einen Namen: "Planet Alsen", und machte es zu seinem ureigenen Anliegen, aus Ruinen Neues auferstehen zu lassen.
Im einstigen Magazin wurde ein Atelier und ein Ausstellungsraum eingerichtet. Während der jährlichen "Planet Alsen Nacht" im Juli dröhnen Rockklänge über das Gelände, Laser und Scheinwerfer tauchen die Ruinen in gespenstisch schönes Licht. Und seit nunmehr drei Jahren entwickeln Hamburger Architekturstudenten während einer Sommerakademie Ideen, wie das Gelände künftig genutzt werden könnte: Konzertbühne, Kunstmeile, Jugendtreff, Kongresszentrum, Hochseilgarten, Skaterpark - alles ist denkbar.

Feierlichkeit einer Kathedrale

Besucher sind auf Planet Alsen willkommen. Es gibt wechselnde Kunstausstellungen und Studts Fotos, auf denen der Verfall mal in goldenes, mal in bläuliches, immer aber fast unwirkliches Licht getaucht wird. Mitglieder des Fördervereins zeigen Alsen-Werbefilme aus den siebziger Jahren: "Zement-Kalk - Baustoff unserer Zeit", und Toke Hebbelns beeindruckenden Kunstfilm über das Leben eines Zementarbeiters: "Der ewige Tag".
Manchmal nimmt sich Studt auch selbst die Zeit, mit Gästen über das Gelände zu streifen. In Pfützen spiegeln sich rosa Ratten und blassgrüne Gespenster, ein Laubfrosch quakt aus einer feuchten Ecke. Überall rosten Öfen, eiserne Rinnen, Zahnräder und Treppen vor sich hin: "Ein Paradies für Altmetalldiebe. Fast jeden Tag verjagen wir den einen oder anderen." Die riesige Abfüllhalle, in der noch die gewaltigen Trichter stehen, strahlt die Feierlichkeit einer Kathedrale aus. In einem anderen Raum hat ein Rapper den Text eines Songs an die Wand geschrieben: "Wir verlieren den Halt, nichts hält uns jetzt ab, wir haben nichts zu verlieren." Setus Studt präsentiert all diese Wunder mit so viel Stolz, als hätte er sie selbst geschaffen.
Über schräge Ebenen, unter geborstenen Rohren hindurch, an Kabeln und Mischschnecken mit versteinertem Zementbelag vorbei geht es in immer neue Hallen - oder ganz nach oben, von wo der Blick weit hinüberschweift bis zum Schornstein des Alsen-Geländes und zur Laurentii-Kirche aus dem zwölften Jahrhundert.

Text: F.A.Z., 06.12.2007, Nr. 284 / Seite R4
Bildmaterial: Setus Studt, Planet Alsen

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