Die ZEIT: Staubiger Planet

19-Dec-2012

Was tun mit einem stillgelegten Zementwerk in SCHLESWIG-HOLSTEIN? 20 Jahre lang suchte ein Künstler eine Antwort. Jetzt hat er sie gefunden.
Von Sina Clorius.

Itzehoe – Dieser Staub hat einmal ganz Itzehoe überzogen. Nun wirbelt er durch die alten Fabrikhallen, leuchtet streifenförmig vor schmalen Fenstern und senkt sich auf die Spuren vergangener Produktionsprozesse. Zerschlissene Arbeitshandschuhe, ein alter Mundschutz, Zigarettenstummel verwandeln sich in Sedimente, die im Lauf der Jahrzehnte von neuen Schichten bedeckt werden. Das alte Zementwerk Alsen, das sind 25 Hektar Mondlandschaft mitten im grünen Schleswig-Holstein. Fußstapfen im weißen Staub erinnern an die berühmten Schritte des Astronauten Neil Armstrong. Setus Studt hat sie auf Film gebannt. "Planet Alsen", so nennt er sein Projekt.

Seit 20 Jahren kämpft Studt für das stillgelegte Zementwerk; längst ist der 51-jährige Künstler selbst Teil der Geschichte dieses verwunschenen Ortes geworden. Als Ratsherr einer Wählergemeinschaft, die vor zwei Jahren auf Anhieb zwölf Prozent bekam, will er den Planeten Alsen neu besiedeln, ohne seinen Charakter als Industriedenkmal zu zerstören. Mit seinem Atelier ist Studt selbst der erste Bewohner, von dort aus organisierte er eine Art Forschungsexpedition. Die Teilnehmer waren Studenten, angehende Architekten, Bauingenieure, Landschaftsplaner und Multimediadesigner. Ihr Auftrag: herauszufinden, wozu eine alte Zementfabrik gut sein kann.

An diesem Freitag stellen sie die Ergebnisse ihres Itzehoer Architektursommers vor. Ein großes Fest soll das werden, mit experimentellem Film und Live-Vertonung, mit Rockkonzert und Lichtspielen – hereinspaziert, der Eintritt ist frei! Wenn es nach Setus Studt geht, können sich die Itzehoer nun einen ersten Eindruck von der Zukunft ihres alten Zementwerks verschaffen. Ein gigantisches Kulturzentrum soll es werden, mit Café und Ausstellungsräumen, einem Museum und einer Konzerthalle.

Aber benötigt Itzehoe das alles? Stünden die Investoren Schlange, wären Studts Low-Budget-Projekte wohl aussichtslos. So aber betrachten Stadtverwaltung und Eigentümer seine Arbeit durchaus mit Sympathie. >>Die Nutzung soll sukzessive erfolgen, so wie sie gebraucht wird<<, sagt Bernd Kritzmann, der als Professor der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften von Berufs wegen eher praktisch veranlagt ist. Er hat die Exkursion auf den Künstlerplaneten mitorganisiert und erlebt, wie Studenten Zementbottiche in Think Tanks und Lagerhallen in Konzertsäle verwandelten. Ein alter Lastkran hievte Tische und Stühle in die noch nutzbaren Räume. Neue Fenster halten nun den Staub draußen, Strom gibt es auch wieder. Nach diesen Vorarbeiten, sagt Setus Studt, könne die Stadt die Räume jederzeit für Ausstellungen und Seminare nutzen.

Nun gab es schon viele Ideen für die 1985 stillgelegte Fabrik. Gebaut aber wurden dann doch bloß ein Schnellrestaurant und ein Supermarkt. Das Gelände gehört einer Investorengruppe aus Hamburg. Ihren Plan, dort ein Einkaufszentrum zu errichten, wusste die Stadt zu verhindern; Läden gibt es genug in Itzehoe. Lieber hätte die Stadt auf dem alten Werksgelände die Landesgartenschau ausgerichtet. Aber dazu hätte sie die Industriebrache kaufen müssen, und >>die Ansichten über den Preis gingen weit auseinander<<, wie Bürgermeister Rüdiger Blaschke bedauernd sagt. So durfte das alte Werk unter Weidenröschen, Pappeln und Johanniskraut, die das Gelände auch ohne Zutun von Gärtnern mehr und mehr zudecken, weiter im Dornröschenschlaf dämmern.

Es braucht ein wenig Fantasie, sich in diesem morbiden Idyll das Dröhnen der Mischgeräte und das geschäftige Treiben von 1300 Arbeitern vorzustellen – so viele beschäftigte das Werk Alsen zu seinen besten Zeiten vor rund hundert Jahren. Die Fabrik war 1862 strategisch günstig zwischen dem Elbe-Nebenfluss Stör, der Landstrasse und der Bahnlinie ins 50 Kilometer entfernte Hamburg erbaut worden. Wohlstand und Fortschritt der heutigen Kreisstadt Itzehoe mit ihren 34.000 Einwohnern gründeten sich auf dem Zement.

Kurz nach der Stilllegung schlich sich Setus Studt an den Wächtern vorbei und erkundete zum ersten Mal Werkhallen, in denen sich nach Maschinenlärm nun plötzlich Stille ausbreitete. Wassertropfen auf einer rostigen Treppe strahlten im schräg einfallenden Licht wie Funken beim Schweißen. Mit seinen Bildern erlangte Studt Anerkennung als Fotograf.

Aber lässt sich aus der Karriere eines Künstlers eine Perspektive für die Stadtentwicklung gewinnen? Muss da nicht irgendwann einmal von Investitionssummen, Arbeitsplätzen, Vermarktungsstrategien die Rede sein?

Machbar wäre vieles, sagt Wissenschaftsanwender Kritzmann, und zwar >>auch ohne große Investoren und Bebauungspläne<<. Warum nicht, zum Beispiel, die Zementruinen als Opernkulisse nutzen? Lichtdesigner der Hochschule Wismar haben die verrottenden Gebäude weiß, gelb und blau in Szene gesetzt. Verfallene Industriearchitektur als Projektionsfläche, vielleicht ist dies die eigentliche Bestimmung des Planeten Alsen. Zum zweiten Itzehoer Architektursommer will Kritzmann mit EU-Geld aus dem Erasmus-Programm Studenten aus Frankreich, Polen und Tschechien einladen – so wird die Entwicklung der alten Industriebrache selbst zu einem Teil ihrer Nutzung. >>Durch den unfertigen Charakter des Geländes wird Kreativität freigesetzt<<, sagt Kritzmann.

Setus Studt, der dieses Potenzial als Erster zu nutzen wusste, ist, so gesehen ein Pionier.

Quelle: DIE ZEIT vom 30. Juni 2005
Autor: Sina Clorius

← Zurück gehen